Frans Hals, René Descartes (Detail), ca. 1649, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen

Wissen und Wahrnehmung
__________________________________________________________________________________________________Bitte nach unten scrollen

Barocke Schöpfungstheorien

Das Projekt stellt den Versuch dar, Kunstgeschichte in enger Kooperation mit Philosophie- und Wissenschaftshistorikern zu betreiben und interdisziplinäre Verschränkungen durch intensive Quellenarbeit zu vertiefen. Ausgangspunkt ist die im 17. Jahrhundert forciert betriebene Abgrenzung von aristotelischem und scholastischem Gedankengut – sie führt zum Entwurf einer umgreifenden Modaltheorie bei Descartes, Leibniz und Spinoza. Diese Vorstellung wird gegen Ende des Jahrhunderts, und zwar gerade in den Niederlanden, zum vollständigen Bruch mit der aristotelischen Schule und zu einer Ära materieller Oberflächenbeschreibungen führen.
In diesem Zusammenhang sollen vor allem barocke Fortpflanzungs- bzw. Energieübertragungsmodelle in Optik, Physik, Humanbiologie oder Embryologie mit kunsttheoretischen Schöpfungstheorien und der künstlerischen Werkgenese verglichen werden. Eine Frage, die sich gleich zu Anfang stellen wird, ist die nach den strukturellen Gemeinsamkeiten ansonsten doch ganz heterogener Bereiche. Die naturwissenschaftlichen und philosophischen Modelle lassen sich jedoch insofern auf die Bildende Kunst und Kunsttheorie des 17. Jahrhunderts beziehen, als sie untrennbar mit zwei ästhetischen Kategorien – nämlich mit Farb- und Formbildung – zu tun haben und eine weitere Kategorie – die der Kraft, Energie oder Lebendigkeit – nach sich ziehen.

Dr. Karin Leonhard (KU Eichstätt-Ingolstadt)
karin.leonhard(at)ku-eichstaett.de


Landschaft mit Elementarteilchen (Detail), Illustration von Frans van Schooten, in: René Descartes, Principia philosophiae, Leiden 1650

Bilder und Dinge im Horizont frühneuzeitlichen Sammlungen

Das Projekt gilt Fragen zur niederländischen Malerei im Zusammenhang frühneuzeitlicher Sammlungen, insbesondere jener Kunst- und Raritätenkammern, in denen Kunstwerke, Naturalien, technische Geräte und wissenschaftliche Objekte gemeinsam und als sinnvolle Ensemble präsentiert wurden. In diesem historischen Umfeld soll folgende Fragestellung im Zentrum der Arbeit stehen: Der Prozess der „Selbstbewusstwerdung“ des Bildes (z.B. Victor Stoichita) stellt sich vor dem Hintergrund der Sammlungspraxis des 17. Jahrhunderts vermutlich kaum als geradlinige Autonomisierungsgeschichte (etwa vom „bloßen“ Handwerk zur freien Kunst) dar. In den frühen Museen standen Bilder in intensiven Bindungen zu anderen Dingen, zur Welt und zum Betrachter. Wenn die flämische und holländische Malerei des 17. Jahrhunderts in besonderer Weise ein historisch neues Selbstbewusstsein der Malerei hervorbrachte, dann möglicherweise weniger, weil sie sich programmatisch und praktisch von den alten Kunstkammern und ihrem universellen Horizont strikt absetzte, sondern weil sie deren Anspruch für sich reformuliert hat.

Dr. Robert Felfe (Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich der DFG Kulturen des Performativen, FU Berlin)
robert.felfe(at)staff.hu-berlin.de


Cornelius Norbertus Gijsbrechts, Tromp-'oeil eines geöffneten Raritätenschranks mit einer Herkulesgruppe (Detail), 1670, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen

Natürliches Licht

In der niederländischen Kunsttheorie des 17. Jahrhunderts herrscht kein Verständnis von Komposition oder Form im modernen Sinn. Ein leitender Begriff ist dagegen ordinantie – dieser übergreift offenbar konkrete, gegenstandsbezogene Bestimmungen einerseits, wie formale Bestimmungen andererseits.
Der wichtige Begriff der ordo (Ordnung, mit verwandten Wörtern wie ordonnance, bei Girard Désargues in Bezug auf Lichtbündel) im mathematischen, philosophischen und rhetorischen Zusammenhang verdient Beachtung, wenn er etwa, wie bei Pascal, synonym mit methodus gebraucht oder im etwas weiteren Sinne natürliche oder rhetorische Anordnungen bezeichnet.
Hierbei ist einerseits die Rolle des Begriffs des natürlichen Lichts zu untersuchen. Dieser taucht im Rahmen humanistischer und reformatorischer Strömungen auf und in Logiken nicht-aristotelischer Provenienz. Die „innere Natur“ des Menschen besteht aus einem Vermögen, aus sich selbst heraus, mit Hilfe seines natürlichen Lichts zu denken. Das natürliche Licht erlaubt eine Visio geistiger Infrastrukturen, d.h. der Intuition der absolut einfachen Naturen des Geistes, den Keimformen allen Wissens.
Im Rahmen unserer Konzentration auf Fragen des Lichts in der Malerei muss andererseits jedoch auch der neuartige „visuelle Raum“, den die holländische Malerei des 17. Jahrhunderts herausbildet, untersucht werden. Das Licht ist hier in erster Linie raumgenerierend. Hilfreich erscheinen uns für diesen Zusammenhang folgende Begriffe: Intensität, Kontinuum, Dynamik. Das Bildganze muss demnach als eine Einheit verstanden werden, die bestimmten visuellen Ordnungen folgt, um eine solche Einheit als Wirkung hervorzubringen. Jedes Einzelne existiert daher nur als ein Teil des Ganzen (jedoch in unterschiedlicher Intensität) und erwirbt seine konkrete Gestalt allein in der Relation zu anderen Teilen (dynamische Bestimmung des Einzelnen).
Daraus ergibt sich für unseren Zusammenhang folgende Konsequenz: Eine Abkehr vom traditionellen Verständnis der „Komposition“, als einer Anordnung von Einzeldingen. Das Augenmerk liegt vielmehr auf visuellen Strukturen, die allen geordneten Einzeldingen als ein Ordnungsschema vorausgehen können. Diese der Sichtbarkeit zugrundeliegenden Strukturen sind dieser jedoch implizit, d.h. sie sind im Sichtbaren selbst auffindbar.
Vor diesem Hintergrund wollen wir Forderungen nach der Gesamtwirkung der Gemälde, wie nach der Einheitlichkeit des Lichtes (etwa in Pieter de Grebbers Regeln), ebenso wie Forderungen einer differentiellen Bestimmung von Farbe und Form und den Regeln zur Anordnung verschiedener Raumebenen (Vorder-, Mittel- und Hintergründe bzw. die Schaffung unterschiedlicher Geländeebenen, die Stichworte Samuel van Hoogstraetens sind hierfür troeping und sprong), lesen.

Forschungsgruppe historische Lichtgefüge (Berlin)
Dr. Carolin Bohlmann
Dipl. Psych. Thomas Fink
Dr. des. Philipp Weiss
www.lichtgefuege.de

Publikationen zum Thema:
Lichtgefüge des 17. Jahrhunderts – Rembrandt und Vermeer. Leibniz und Spinoza, München 2008;
Lichtgefüge des 17. Jahrhunderts, Themenheft der kritischen berichte 4/2002.


___________________________________________________________________________________________________________________

Biographische Informationen zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern finden Sie hier.