Jan Miense Molenaer, Ein Maler in seinem Atelier, eine musizierende Gesellschaft malend (Detail), 1631, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Produktion und Rezeption

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Studien zu produktionssteigernden Arbeitsmethoden und seriellen Verfahren in der niederländischen Werkstattpraxis
des 17. Jahrhunderts


Die Kunstproduktion der Niederlande im 17. Jahrhundert kann nur in Superlativen beschrieben werden. Die Nachfrage nach Gemälden aber auch die Konkurrenz auf dem Kunstmarkt nahm in dieser Zeit explosionsartig zu, und zwang die Maler zu einer Reaktion auf den sich fortwährend in Bewegung befindlichen Kunstmarkt. Um einerseits den zunehmenden Bedarf nach Bildern entsprechen zu können und andererseits den Produktionsprozeß einzelner Werke effizient und gewinnorientiert zu gestalten, waren viele Künstler gezwungen, verschiedene Verfahren zu entwickeln, mit deren Hilfe man Bilder schnell und kostengünstig produzieren, bzw. den Wünschen des Publikums entsprechend modifiziert anbieten konnte. Die dabei entwickelten Methoden (etwa die Wiederholung, Variation und Kombination von Motiven oder die Serienproduktion mit späterer Abwandlung und Erweiterung) sollen Forschungsgegenstand der Untersuchung sein.
Die Studien zu produktionssteigernden Arbeitsmethoden und seriellen Verfahren ermöglichen, einen wichtigen Aspekt im Malprozeß zu beleuchten, der sich weder über Maltraktate oder Handbücher des 17. Jahrhunderts, noch über Darstellungen von Malerateliers oder Künstlerinventare erschließen läßt. Ziel der Untersuchung ist es daher, Einblick in die Arbeits- und Fertigungsprozesse der Maler zu erhalten und auf diese Weise ein besseres Verständnis für die zeitgenössische Kunstproduktion des 17. Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit zu ermöglichen. Auch gilt es in den verschiedenen Wiederholungen und motivischen Variationen eine Form der Kreativität zu entdecken und zu würdigen, wie sie bislang nicht untersucht und wenig geschätzt wurde.

Dr. Katja Kleinert (Hahn-Meitner-Institut, Berlin)
Katja.Kleinert(at)web.de


Pieter Claesz., Austernfrühstück (Detail), Museumslandschaft Hessen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

Verrücken, Umstellen, Austauschen. Über das Anordnen von Gegenständen auf niederländischen Stillleben

Bei der Betrachtung verschiedener Stillleben von Willem Kalf, Pieter Claesz. oder Willem Claesz. Heda fällt auf, dass sich einige Kompositionen stark ähneln: auf vielen Bildern wurden die gleichen Gegenstände lediglich in anderen Konstellationen zusammengestellt oder es wurden einzelne Objekte im Vergleich zu einer früheren Komposition hinzugefügt oder weggenommen. Untersucht werden soll einerseits, nach welchen (kompositorischen) Kriterien die Anordnung der Objekte auf den Tischen erfolgte und welche Auswirkungen die Veränderungen auf die Gesamtkomposition und auf die Bedeutung des Bildes haben. Andererseits soll untersucht werden, inwieweit die Maler durch das – zumindest gedankliche – Umräumen, Verstellen und Anordnen der Objekte den schmalen Bildraum der Stillleben, der meist durch die Tischbreite festgelegt ist, erschließen.

Claudia Fritzsche (Hannover)
claudia.fritzsche(at)lt.niedersachsen.de


Karel Slabbaert, Die Werkstatt des Evangelisten Lukas (Detail), 1631, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Zur Funktion des Zitierens von Bildern in Bildern am Beispiel der niederländischen Tronie

Nachdem sich Tronien in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts als eigenständige Bildaufgabe etabliert hatten, tauchen sie auf Stillleben und Interieurdarstellungen gelegentlich als "Bilder im Bild" auf. Das Einfügen von Bildern in Bilder lässt sich als Übertragungsverfahren oder Transformationsprozess begreifen. Existierende Gemälde, Graphiken oder Zeichnungen wurden vollständig oder in modifizierter Weise in ein anderes Gemälde und damit in einen neuen Kontext übertragen. Hieraus resultieren nicht nur formale Veränderungen, sondern auch Verschiebungen oder – gerade im Falle von Tronien – Präzisierungen der Bedeutung der verwendeten Vorlagen. Im Zentrum der Untersuchung steht das wechselseitige Verhältnis von Gesamtdarstellung und Bildzitat. Es fragt sich, warum Tronien kopiert und in andere Bilder eingefügt wurden und welche Erkenntnisse sich aus der Analyse ihrer Funktion und Bedeutung für die Interpretation der Gesamtdarstellung gewinnen lassen. Auch wird untersucht, welches Bildkonzept mit dem Vorgang des Zitierens verbunden ist und inwiefern die ins Bild eingefügten Zitate den Kunstcharakter des Gesamtwerks selbst reflektieren.

Dr. Dagmar Hirschfelder (Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg)
d.hirschfelder(at)gnm.de

Claes Jansz Visscher, Blatt Nr. 2 aus der Serie "Plaisante Plaetsen": Leuchtturm bei Zandvoort (Detail), ca. 1612, Radierung

Technikgenese als Übersetzungsprozeß. Die Radierung in der niederländischen Kunstproduktion des 17. Jahrhunderts

Untersucht wird der Wandel der graphischen Technik in den Niederlanden beginnend mit den ersten Radierversuchen professioneller Kupferstecher in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis hin zu den Vorläufern Rembrandts, den "peintre-graveurs" (Malerradierern) im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts. Diese Phase der Professionalisierung und Popularisierung des Mediums von der Imitation des Kupferstichs durch Joannes und Lucas van Doetechum seit den 1560er Jahren bis zur freien, teils skizzenartigen Zeichenweise, die Künstler wie Willem Buytewech, Esaias und Jan van de Velde sowie der junge Rembrandt und Jan Lievens dem Medium abgewinnen, ist von der graphikgeschichtlichen Forschung bislang nicht systematisch untersucht worden. In einer diachronen Perspektive wird der Wandel des Mediums, seines technischen Formenvokabulars und seiner sozio-ökonomischen Kontextbedingungen in den Blick genommen. Mit Hilfe eines vergleichenden Untersuchungsansatzes werden zentrale Thesen der Forschung über die Rolle künstlerischer Experimente und die Bedeutung von Märkten und Verlegern überprüft. Zugleich soll im Sinne des ad-fontes!-Projekts die gerade in der Graphikforschung zentrale Problematik der Integration unterschiedlichster Quellen reflektiert werden. Der Schwerpunkt liegt auf ausgewählten Radierungen jener Künstler, die entscheidend zum Wandel der Radiertechnik vor Rembrandt beigetragen haben: Joannes und Lucas van Doetechum, Simon Frisius, Gerrit Pietersz. gen. Sweelinck sowie Willem Buytewech.

Britta Bode (Berlin, z. Zt. Forschungsstipendium Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)
britta.bode(at)web.de

Adriaen van de Velde, Der Strand von Scheveningen (Detail), 1658, Museumslandschaft Hessen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

Tonale Dünenbilder. Serialität und Historizität

Die Dünenlandschaften Jan van Goyens und seiner Zeitgenossen zeichnen sich durch ihre monochrome Formelhaftigkeit aus. Die meisten dieser zwischen 1625 und 1645 zahlreich produzierten Gemälde stellen weite, kahle Dünengebiete dar: Wenige Motive wie kleine Anhöhen, sandige Pfade, alte Zäune, zerfallene Hütten und einzelne Menschen prägen diese Kompositionen. Viele charakteristische Elemente der tatsächlichen holländischen Landschaft, beispielsweise das moderne Kanalverkehrssystem, sind in diesen Bildern nicht zu sehen. Ein wesentliches Motiv ist der Blick des Menschen auf diese reduzierte Landschaft.
In meinem Projekt gehe ich der Frage nach, welches Bildkonzept mit dieser seriellen Formelbildung verbunden ist. Dabei interessieren mich vor allem semiotische Übertragungsprozesse im Kontext von kontemplativer Erinnerung und kollektiver Identitätsstiftung. So gilt es, die Entwicklung und die Wirkkraft bestimmter Bildzeichen unter bildtheoretischer Perspektive zu untersuchen: Es soll diskutiert werden, inwieweit dem Landschaftsbild das Potential zukam, historische Assoziationen zu vermitteln.

Miriam Volmert (Doktorandin an der Universität Hamburg)
miriam-volmert(at)gmx.de

Emanuel de Witte, Das Innere einer gotischen Kirche (Detail), Museumslandschaft Hessen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

Betrachten und Hören im Kirchenraum, oder: Gab es ein reformiertes Bildkonzept?

Das holländische Kircheninterieur wirft mehr als alle anderen Genres die Frage auf: Wann ist der dargestellte Raum "religiös" und konfessionell bestimmt zu nennen – und wann das Gemälde selbst? Auf welche Weise Bilder als spirituelle Rezeptionsräume gedient haben, wird im Hinblick auf das Spätmittelalter und die katholische Reform zunehmend untersucht. In Hinblick auf den Calvinismus interessieren zumeist die in der Folge des Bildersturms weißgewaschenen Wände der Kirchen. Wie aber verhielten sich die niederländischen Reformierten zur sie umgebenden Bilderflut? Gab es ein reformiertes religiöses Bild? Die Antwort dürfte weniger "in" einem Gemälde selbst zu suchen sein als in den Strategien seiner Interpretation. Was wurde - etwa in Predigten oder katechetischen Werken - ausdrücklich empfohlen und exemplarisch vorgeführt?

Almut Pollmer-Schmidt (Städel Museum Frankfurt)
pollmer-schmidt(at)staedelmuseum.de



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Biographische Informationen zu den Teilnehmerinnen finden Sie hier.